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Dem hellgrauen Teppichboden in diesem Eckbüro im ersten Stock des Altenkirchener Rathauses haftet noch der Hauch des gerade erst verlegten Bodenbelags an. Ein wenig hängt der Geruch des neuen Geläufs im Raum, so dass sich leicht ein Zusammenhang ergibt: Auch der Resident in dem Zentrum der Macht ist fast noch ein Novize in den vier Wänden, obwohl seine Amtszeit am heutigen Dienstag in den dreistelligen Bereich der 24-Stunden-Zählung springt: Fred Jüngerich blickt auf 100 Tage als Bürgermeister der Verbandsgemeinde Altenkirchen.

So sitzt er aufgeräumt am ovalen Besuchertisch und lässt die erste Phase in seiner neuen Funktion Revue passieren. Er fühle sich wohl in dieser Umgebung sagt er ohne irgendeinen negativen Unterton, „ich habe ein Gefühl der inneren Zufriedenheit.“ Es sei inhaltlich und thematisch so, wie er sich das Aufgabengebiet vorgestellt habe. Das kann er mit gutem Gewissen behaupten. Als langjähriger Büroleiter war Jüngerich, der zunächst einmal bis zum 31. Dezember 2019 die Geschicke der bis zu diesem Datum noch alleine ihren Weg beschreitenden Verbandsgemeinde Altenkirchen lenkt, in so gut wie allen Themen „drin“. Das Aber folgt auf dem Fuße: Die repräsentative Seite des Amts nimmt ihn doch ziemlich in Anspruch, „weil mich halt jeder einlädt“. Deswegen ist im Tagesablauf alles eng getaktet, besonders an den Abenden ist er beinahe dauernd unterwegs, weil er sich vorgenommen hat, allen 42 Ortsgemeinden jeweils seine Aufwartung zu machen. Dass es in den ersten drei Monaten bisweilen stressig war, hängt auch mit der anstehenden Fusion mit der Verbandsgemeinde Flammersfeld zusammen, für die zwischen Januar und März doch einige Extratermine anberaumt waren. Die freiwillige „Ehe“ spiele derzeit in alle drei Teilbereiche seiner Arbeit hinein, die er, vom Aufwand betrachtet, je zu einem Drittel aufteilt: Verwaltung, Ratsarbeit und Repräsentation. Vor diesem Hintergrund ist das Familienleben ein wenig umorganisiert worden. „Das ist wegen den vielen Abend- und Wochenendterminen unabdingbar gewesen“, berichtet Jüngerich, aber auch in diesem Sektor wird sich ein „Rhythmus finden“. Sein großes Hobby, der Fußball in all seinen Facetten (Spieler, Trainer), musste komplett gestrichen werden. Die Erinnerung an diese Zeit hält eine spezielle kleine Ecke in seinem neuen Dienstzimmer wach. Die Aussicht, dass die Beanspruchung im zweiten Quartal zahlenmäßig etwas in den Keller gehen könnte, ist nicht unbegründet. Der Zusammenschluss der beiden Gebietskörperschaften verliert mit der finalen Unterschriftenzeremonie am nächsten Freitag deutlich an (öffentlichen) Begehrlichkeiten, die er zu erfüllen hat.

Zu dem hohen Quantum an Jüngerichs Gefühl des Wohlbehagens hat sicherlich auch die vielfach gute Atmosphäre beigetragen, in der er bei aushäusigen Auftritten empfangen wurde. „Offen und ehrlich“ umreißt er seine Stippvisiten in Ratssitzungen („Da wollen alle von mir immer etwas wissen“) oder bei Teilnahme an Jahreshauptversammlungen, Festen oder Familienfeiern, „die Freundlichkeit und die Warmherzigkeit taten einfach gut“. Auch die Bewertung seiner Leitung von Sitzungen nach dem Motto „Hast du gut gemacht“ spielt einen wichtigen Part im Gesamtbefinden. „Ich möchte sie kurz und prägnant leiten, sie nicht in die Länge ziehen“, gibt er sein Credo wieder. Da er parteiunabhängig agiere, lege er immensen Wert darauf, dass „alle auf dem gleichen Kenntnisstand“ sind. Deshalb wurde die Zahl der Fraktionsvorsitzenden- und Beigeordnetenmeetings erhöht. Jüngerich verhehlt nicht, dass er vor den ersten Sitzungen und der Premiere der Infotreffen zur Fusion ein „gewisses Lampenfieber“ gehabt habe. Aber: „Du brauchst eine gesunde Grundanspannung. Die ist ganz wichtig. Und dann kannst Du deine Arbeit gut machen.“

Dass es hin und wieder mal nicht ganz glatt läuft, auch diese Erfahrung hat Jüngerich bereits gemacht. Als „Gegenwind“ möchte er diesen Umstand nicht bezeichnen, aber „Menschen testen bisweilen aus, wie weit sie gehen können. Sie wollen gewisse Dinge ausloten“. Er sei noch nie auf Granit gestoßen, aber schon auf Gestein. „Unter die Gürtellinie ist nichts gegangen. Alles blieb auf der sachlichen Ebene“, resümiert er, kein Problem sei unlösbar, „alle Dinge sind diskutabel.“

Geändert hat Jüngerich nichts im Umgang mit seinen Mitmenschen. Alle, die er duzt, duzen ihn weiterhin. Das gilt für die Untergebenen des Rathauses, das gilt für Freunde und Bekannte in der Außenwelt. Das neue Amt hat ihn nicht abheben lassen. „Ich komme von hier, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht“, sagt Jüngerich, er mache doch nur seine Arbeit. „Viele Menschen wissen, wie ich ticke, und ich weiß, wie viele Menschen ticken“, sagt er im Brustton der Überzeugung. Dass er sich bis zum Ende seiner (ersten) Amtszeit in 630 Tagen ändert, vermag man sich nicht vorzustellen. In etwas mehr als anderthalb Jahren aber wird der Hauch des gerade verlegten Teppichbodens das Eckbüro im ersten Stock des Rathauses verlassen haben, wird aus dem jetzigen Fast-Neuling hinter dem Schreibtisch schon ein „alter“ Hase geworden sein.

Quelle: RZ Kreis Altenkirchen vom Dienstag, 10. April 2018, Redakteur Volker Held